Das Geschwisterkind

Nun ist es da. Das kleine Geschwisterkind. Es macht die Erstgeborene zur großen Schwester. Schon vor, aber überwiegend nach der zweiten Geburt merkte ich, welche öffentlichen Erwartungen auf der neuen großen Schwester liegen. Ist sie lieb zur ihrem Bruder? Bestimmt kümmert sie sich doch ganz toll, oder? Der Hashtag „Geschwisterplüsch“ ist in den sozialen Netzwerken ganz beliebt. Aber sind wir mal ehrlich. Welche Geschwisterpaare kennen wir selbst aus dem persönlichen oder prominenten Umfeld? Sind die alle immer harmonisch miteinander? Es ist ein engagiertes Ziel, Kinder zu guten Geschwistern erziehen zu wollen.

Online finden sich viele Tipps zum ersten Treffen der Geschwister. Bei uns gab es auch das häufig genannte „Geschenk vom Baby“ an die große Schwester. Es war der Eisbrecher. Der Besuch bei Mama und Baby im Krankenhaus war für meine Älteste ohnehin schon aufregend und ungewohnt. Das kleine Geschenk brachte dem Baby Sympathiepunkte. Aber sind die Kinder deshalb sofort ein Herz und eine Seele? Mich irritiert immer wieder wie selbstverständlich viele davon ausgehen. Bei Mädchen wird sofort gemutmaßt, sie wären sicher ganz liebevoll und fürsorglich. Jungen wird stets die Beschützerrolle angedichtet.

Denke ich an meine Schulzeit zurück, nimmt die Vielfalt der mir bekannten Geschwisterkonstellationen kein Ende. Es gab eine Freundin, die sich regelmäßig kleine Kämpfe mit ihrem Bruder leistete. Es gab aber auch Geschwister, die fast wie Freunde noch bis heute viel miteinander unternehmen. Es gibt die Olsen Zwillinge und die Gallagher Brüder. Zwischen „Geschwisterplüsch“ und Geschwisterstreit gibt es zahllose Varianten. Wie meine Kinder mal zueinander sein werden, kann ich heute noch nicht abschätzen.

Klar ist, dass mit dem zweiten Kind auch neue Werte in der Erziehung aufleben. Worte wie „liebevoll“ oder „Zusammenhalt“ lernt meine Tochter nun mehr als vor der Geburt ihres Bruders. Als Eltern versuchen wir Aufmerksamkeit, Zeit und Zuneigung immer gerecht zwischen beiden Kindern aufzuteilen. Ich kann allerdings nicht erzwingen, dass meine Tochter ihrem Bruder einen Gutenachtkuss gibt. Sie hat mit fast drei Jahren bereits ihren eigenen Charakter. Ihren eigenen Willen. Ihre eigene Art, sich mitzuteilen.

Unser Alltag bringt es mit sich, dass stets ein Kind warten muss, während das andere versorgt wird. Ich denke, das ist auch gut so. Rücksichtnahme und Achtsamkeit lernen die Kinder zwischen Abendroutine und Mittagsbrei. Ein Stück mehr Empathie hier, ein Happen Motivationshilfe dort. Meine Tochter lernt, ihren Bruder enthusiastisch beim ersten Umdrehen anzufeuern. Sie lernt, sich mit ihm zu freuen. Natürlich ist es schön, das zu beobachten. Wir sprechen hier jedoch von den Anfängen einer lebenslangen Beziehung. Ich glaube, als Geschwisterkind erlernt man viele soziale Fähigkeiten. Das bedeutet jedoch noch lange nicht, dass die Geschwister auch eine gute Verbindung zueinander haben und behalten werden. Darauf haben Eltern, aus meiner Sicht, nur wenig Einfluss.

 

Kommentare

Ein sehr schöner Artikel und dabei so wahr. Wir Eltern können Geschwisterliebe nicht erzwingen, wir können unsere Kinder nur begleiten und hoffen, dass die Kleinen sich mögen werden. Und dabei sind die Beziehungen der Kleinen untereinander auch nicht starr, ich beobachte bei unseren Kindern sehr stark, dass sie eine ganze Weile mit dem einen Geschwisterchen spielen und ein paar Monate später wieder lieber mit einem anderen.

Und für mich selbst kann ich sagen, dass ich mit meiner kleinen Schwester früher nie gut konnte. Seit wir beide Kinder haben, nähern wir uns aber an. Manchmal braucht so eine Geschwisterbeziehung auch einfach nur Zeit. ;)

Kerstin
    Kathrin Rosenich

    Hallo Kerstin,
    ja, ich denke auch, dass diese familiären Beziehungen über die Jahre generell einem Wandel unterliegen. Nicht immer. Aber doch in einigen Fällen. Es bleibt also spannend ;-)

    Kathrin Rosenich

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