Geschwister – Zwischen Eifersucht und großer Liebe

Fünf-Minuten-Idylle mit den Baby-Zwillingen im Arm und der vierjährigen Schwester auf dem Sofa. Alle sind friedlich, fühlen sich wohl, so dass mir ein tiefer Seufzer der Zufriedenheit über die Lippen kommt: „Ach, was habe ich für süße Kinder, eines süßer als das andere!“  Die Antwort der großen Schwester folgt sofort: „Ja, Mama, und ich bin das Süßer als das andere!“

Ein wunderbares Beispiel für ein ewiges Elternthema: Streit und Rivalität unter Geschwistern. Zunächst die Entwarnung: es ist völlig normal, ja geradezu notwendig, dass es unter Geschwistern manchmal hoch hergeht. Wo sonst lässt sich soziales Verhalten – also Dinge wie Rücksichtnahme, abwarten bis man dran ist, etwas teilen, etwas schenken und geschenkt bekommen – lernen, wenn nicht bei euch in der Familie! Ihr habt euch ja nicht ohne Grund für ein weiteres Kind entschieden, oder plant, dass euer Kind kein Einzelkind bleiben soll. Also alles in bester Ordnung, wenn mit dem zweiten Kind auch der Lärmpegel steigt und Zeit, Geld und vielleicht auch das Zimmer geteilt werden müssen. Es ist eine große Chance, sich im geschützten Raum der Familie auf die Welt da draußen vorbereiten zu können.

Eingreifen oder lieber nicht?

Ich kenne viele Mütter – Väter scheinen da etwas robuster gestrickt zu sein – die dennoch unter dem Geschwisterstreit leiden und sich daher sehr schnell einmischen, manchmal auch zu schnell. Das ist dann sicher richtig, wenn der Altersunterschied sehr groß bzw. das Kräfteverhältnis sehr ungleich verteilt ist. So müssen große Geschwister lernen, dass man Babys nicht wehtun darf, auch wenn diese vielleicht gerade den frisch gebauten Turm umgestoßen haben. Eltern sind hier als „Übersetzer“ gefragt, die erklären, dass Babys so etwas nicht mit Absicht tun und dass man sie deshalb nicht dafür bestrafen kann. Ein schnelles Eingreifen kann hier also sogar erforderlich sein. Anders ist die Situation bei Zwillingen oder Geschwistern, die sich schon zur Wehr setzten können: wenn es hier etwas lauter wird, sollten sich Eltern erst einmal heraushalten. Fachleute raten dazu, den Kindern die Möglichkeit zur Selbstregulation zu lassen. Auf diese Weise können die Geschwister lernen, wie man Meinungsverschiedenheiten beilegt, wie man Kompromisse findet etc. Auch hier kann es helfen, wenn Eltern übersetzen – vorausgesetzt, der Streit droht zu eskalieren. Aber oft vertragen sich die Geschwister schneller wieder, wenn sich die Eltern nur im Hintergrund halten. Und wenn ihr Eltern vorlebt, dass man Konflikte sachlich austragen kann, dass man dabei weder brüllen noch handgreiflich werden muss, lernen das eure Kinder durch Beobachten fast nebenbei. Ein gutes Vorbild bringt mehr als Aktionismus.

Jedes Kind sucht seinen Platz

Was zum Verstehen der Eifersucht wirklich wichtig ist: jedes Kind sucht seinen Platz in der Familie, bindet sich emotional an Mama und an Papa. Wenn es irgendwie geht, solltet ihr euch hin und wieder „exklusive“ Zeit für eure Kinder gönnen: Papa geht mit dem Baby los, und Mama mit dem Geschwisterkind auf den Spielplatz – oder umgekehrt.  Besonders in der Zeit, wenn ein Geschwisterchen dazugekommen ist, bringt diese Exklusivzeit enorm viel Sicherheit für das ältere Kind, das ganz neu als großer Bruder oder große Schwester seinen Platz in der Familie finden muss. Es braucht jetzt mehr Kuschelzeit, als ihr euch vielleicht vorstellt – schon allein deshalb, weil es beobachtet, wie viel Mama oder Papa mit dem Baby schmust. Auch Großeltern, Freunde oder auch unsere wellcome-Engel können in solchen Zeiten sehr hilfreich sein: sie kümmern sich um das Geschwisterkind, während Mama das Baby stillt etc. Eifersucht ist dann nicht mehr nötig, da das ältere Kind die Zuwendung erhält, die es für seine eigene Entwicklung gerade braucht.

Gerechtigkeit ist keine Gleichmacherei

Eine wichtige Erkenntnis: Gerechtigkeit bedeutet nicht, dass immer alle das gleiche und zur gleichen Zeit bekommen müssen. Für Kinder ist es dagegen sehr wichtig, gesehen und wahrgenommen zu werden. Erklären und Sprechen hilft hier viel: „Max hat sich schon so lange das neue Spielzeug gewünscht. Das bekommt er zu seinem Geburtstag. Wenn du Geburtstag hast, darfst du dir auch etwas wünschen.“ Noch mehr helfen Wertschätzung und Lob, das ohne Vergleich auskommt und das sich direkt auf das einzelne Kind bezieht. Und solltet ihr doch einmal in den „Vergleichsmodus“ verfallen braucht ihre keine Angst zu haben: das Beispiel am Anfang zeigt, dass selbstbewusste Kinder damit gut umgehen können. Sie wissen, wo sie hingehören und teilen – meistens – gerne. Sie wissen, dass das Leben ohne Geschwister viel langweiliger wäre, auch wenn vor allem kleine Geschwister manchmal nerven oder große Geschwister ständig alles besser wissen.

Ein Tipp zum Schluss

Also: Habt Mut zum zweiten Kind, genießt die Zeit mit euren Kindern und übt euch in Gelassenheit. Ein Tipp zum Schluss: Wenn ihr mal Rat und Hilfe braucht: Stellt uns eure Frage auf ElternLeben.de. 

Unser Expertenteam hilft gerne – individuell, vertraulich und kostenlos. Wir freuen uns auf euch!

Rose Volz-Schmidt

 

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